
Das Dialogformat Sprechen & Zuhören
Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, dass Ihnen wirklich zugehört wird?
Das Format
Sprechen & Zuhören ist ein von Mehr Demokratie e. V. entwickeltes Dialogformat. Die Teilnehmenden erfahren darin einen hierarchiefreien Austausch, in dem das eigene Erleben mitgeteilt werden kann. Dies wird dadurch erreicht, dass jede Person gleich viel Redezeit bekommt. Nacheinander spricht immer eine Person für vier Minuten, während die anderen nur zuhören.
Ohne dass direkt Emotionen ausgesprochen werden müssen, werden dabei doch Empfindungen spürbar. Dadurch bekommen alle ein Gefühl dafür, „wo der oder die andere steht." Beim Zuhören entsteht Empathie und Respekt, insbesondere dann, wenn wir Ähnlichkeiten zu eigenen Erfahrungen erkennen. Nach mehreren Gesprächsrunden sind sich die Beteiligten bewusster geworden, wie sie in der Tiefe zu einem Thema stehen. Sie haben außerdem die Erfahrung gemacht, dass eine demokratische Verständigung möglich ist. Das führt häufig zu mehr Gelassenheit, Entspannung und Zuversicht.
Das Format ist eine gute Vorbereitung für sachliche und inhaltliche politische Arbeit. Es ist empfehlenswert, das Format auch in bestehenden Arbeitsgruppen regelmäßig zu praktizieren, denn es erhöht das Vertrauen untereinander und verbessert die Zusammenarbeit.
Der Effekt
Im vergangenen Jahr haben wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihren Eindrücken befragt. Die Ergebnisse bestätigen uns darin, wie weitreichend die Folgen sind, wenn jemand an einer Sprechen & Zuhören-Veranstaltung teilnimmt. So haben zwei Drittel der Befragten angegeben, sich danach sicherer zu fühlen. Und knapp 97 Prozent gaben an, dass sie die Veranstaltung insgesamt weiterempfehlen werden. Die Grafiken zur Untersuchung finden Sie hier.
Weitere Forschungsergebnisse finden Sie hier (in Englisch).
Herkunft und Entwicklung
Die Grundzüge von Sprechen & Zuhören sind viel älter als unser Verein. Im Kreis zu sitzen, oft um ein Feuer, zu sprechen und einander ungestört zuzuhören, ist eine der ältesten Gesprächsformen der Menschheit.
Verwandte Ansätze finden sich auch in Methoden wie Way of Council, wie sie Jack Zimmerman und Gigi Coyle über die Ojai Foundation geprägt haben. Sie selbst benennen dafür eine gemischte Herkunft aus indigenen, quäkerischen und gruppendynamischen Quellen. Im deutschsprachigen Raum sind der Bohmsche Dialog nach David Bohm und das Zwiegespräch nach Michael Lukas Moeller bekannt. Wir verstehen unsere Arbeit an Sprechen & Zuhören deshalb nicht als Erfindung, sondern als Weiterentwicklung eines kollektiven, über viele Traditionen gewachsenen Wissens.
Was wir dazu beigetragen haben: Wir haben das Format mit der festen Redezeit von vier Minuten pro Person über drei Runden zu einem klaren, gut vermittelbaren Ablauf ausgearbeitet und in der Praxis vielfach erprobt. Wir bringen das Format gezielt in die Kommunalpolitik, schaffen damit öffentliche Räume für Austausch, evaluieren die Wirkung systematisch und beraten und stärken Kommunen bei dialogorientierter Beteiligung. Gleichzeitig wächst rund um Sprechen & Zuhören von der Großstadt bis aufs Land eine Community, die das Format eigenständig in ihre Städte, Schulen, Vereine und Nachbarschaften trägt und in Regionalgruppen und eigenen Projekten immer weiterentwickelt.
Polarisierung begegnen
Nach einer Umfrage des Nobel Peace Center vermeiden sechs von zehn Personen, auch mit nahestehenden Menschen schwierige Themen zu besprechen – aus Angst vor Streit oder Zurückweisung. Und 46 Prozent der Befragten gaben an, den Kontakt zu Freundinnen, Freunde oder Familienmitgliedern verloren zu haben, weil kein verbindendes Gespräch über etwas zustande kam, das die Menschen trennte. Wir glauben, dass es einen Weg gibt, mit dem sich eine solche Entwicklung verhindern lässt.
Der Fokus von Sprechen & Zuhören liegt darauf, Erfahrungen und Erlebnisse zu teilen und nicht über Meinungen zu streiten. Auf diese Weise spricht jede Person mehr über sich und ihre Bedürfnisse und weniger über andere. Und: Jede Person bekommt gleich viel Redezeit in einem geschützten Rahmen. Nacheinander spricht immer eine Person für vier Minuten, während die anderen nur zuhören. Das fördert nicht nur die gemeinschaftliche Erfahrung. Es stärkt auch das Bewusstsein, dass Verständigung auch dann möglich ist, wenn auf den ersten Blick das Trennende so viel mehr Raum hat als das Verbindende.
Solche Räume sind die Keimzellen eines gelingenden Miteinanders. Ganz egal, wo sie entstehen und wie viele Menschen darin Platz nehmen.
Was wir beobachten
Wofür steht Mehr Demokratie e. V.?
Mehr Demokratie e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich als Fachverband und Bürgerbewegung versteht und überparteilich arbeitet. Seit mehr als 30 Jahren arbeiten wir für direkte Demokratie, ein faires Wahlrecht, Transparenz und wirksame Bürgerbeteiligung wie zum Beispiel losbasierte Bürgerräte auf allen politischen Ebenen. Indem wir auf die Qualität des Austauschs, der Debatte und der Entscheidungsfindung achten, verbessern wir die demokratische Kultur. Denn wenn Menschen sich sicher, gehört und geachtet fühlen, können sie auch mit Spannungen und Meinungsverschiedenheiten umgehen. Deshalb schaffen wir auch Räume, in denen sich Menschen offen begegnen, etwa im Bereich Demokratische Kultur mit Formaten wie Sprechen & Zuhören.